ISSN 0940-5550
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Windenergie: Renaissance -
Vor der Erfindung der Dampfmaschine standen den Menschen nur wenig Möglichkeiten zur Nutzung mechanischer Energie zur Verfügung. Außer der eigenen Muskelkraft, der Energiequelle der Armen, setzte der Bauer dort, wo es der Ertrag zuließ, Arbeitstiere ein. Lediglich für ausgewählte Tätigkeiten wie dem Mahlen von Getreide oder dem Wasserpumpen gelang es dem homo faber, an günstig gelegenen Orten mechanische Energieflüsse anzuzapfen, welche von der Biosphäre unabhängig sind, nämlich die Wasser- und die Windkraft. Daß aus den Wassermühlen im Laufe der letzten hundert Jahre moderne hydroelektrische Kraftwerke geworden sind, die Windmühlen hingegen zur Postkartenromantik verurteilt wurden, hängt wohl damit zusammen, daß sich Wasserkraft transportieren und speichern läßt, während der Wind bekanntlich bläst, wann und wo er will, was ihn schon in der Antike als Gegenstand grundlegender wissenschaftlicher Erkenntnis ungeeignet machte. Erst die in den 70er Jahren vorübergehend gestiegenen Kosten fossiler Brennstoffe sowie die wachsende Sorge um Luft und Klima bescherten der Windkraft eine Renaissance. Unter den 'neuen erneuerbaren Energien', wie sie im Fachjargon oft genannt werden, ist die Windkraft die einzige, die im heutigen Preisgefüge einigermaßen konkurrenzfähig Strom zu produzieren vermag. In vielen Ländern, insbesondere in Deutschland, nahm die Zahl der modernen Windkraftanlagen in den letzten Jahren rasant zu. Auch wenn ihr absoluter Beitrag zur Deckung des totalen Energiebedarfes heute immer noch bescheiden ist, so könnte sich das beispielsweise in windreichen Gebieten bald schon ändern, wären da nicht plötzlich diese Zweifel, ob denn die heute praktizierte Nutzung der Windenergie nachhaltig und ökonomisch sinnvoll sei. Drei Beiträge in der vorliegenden Nummer beschäftigen sich kritisch mit der Euphorie über die Windenergie: Hans Christoph Binswanger setzt in 'Die Landschaftseinwirkung der Windkraftanlagen' bei allgemeinen Betrachtungen über die Nutzung der solaren Energie ein. Weil der spezifische natürliche Energiefluß der Sonne im Vergleich zu den Ansprüchen des Menschen nach zeitlich und örtlich verdichteter Energieverfügbarkeit sehr klein ist, sei - so Binswanger - die solare Energienutzung in den meisten Fällen mit einem gewaltigen Flächenverbrauch zur Aufkonzentration der Energieleistung verbunden. Die Bezeichnung Sonnenenergie würde daher den wahren Sachverhalt verschleiern; eigentlich müßte von Sonnen-Boden-Energie gesprochen werden. Weil die moderne Nutzung der Windenergie mehr als 100 Meter hohe technische Anlagen erfordere, welche sich zudem bewegten und zumeist an exponierten Stellen aufgestellt würden, sei man beispielsweise in Deutschland auf dem Weg, für bestenfalls ein paar wenige Stromprozente die gesamte Landschaft visuell zu opfern. Wilfried Heck argumentiert in 'Die Windenergie im Energiemix - das Substitutionsziel wird verfehlt' aus technischer Sicht gegen die Windenergie. Er weist nach, daß elektrische Stromnetze Windenergie nur dann verkraften können, wenn sie hauptsächlich durch große thermische Werke stabilisiert werden. Die attraktive und gehätschelte Schwester verdankt ihre Daseinsberechtigung also der Existenz des häßlichen großen Bruders; sie kann daher laut Heck nie zur Hauptstütze einer nachhaltigen Stromversorgung werden. Und schließlich noch das Verdikt aus Sicht der Ökobilanz: Hermann-Josef Wagner kommt in 'Emissionsminderungen durch Windnutzung unter Kosten-Nutzen-Erwägungen' zu dem Schluß, der Bau von Windkraftanlagen sei im Vergleich zu Alternativen - wie zum Beispiel zur Effizienzverbesserung bei der Energienutzung - höchstens im Mittelfeld anzusiedeln. Mit andern Worten, ein bestimmter Geldbetrag sei besser für Energiesparmaßnahmen zu tätigen als für den Bau von Windenergieanlagen, falls man eine möglichst große Reduktion des Ausstoßes von Kohlendioxid erreichen wolle. Eine geballte Ladung von Argumenten aus einer Ecke, welcher man sonst kaum Ökofeindlichkeit vorwerfen kann. Sollte man nun die Übung abblasen und damit denjenigen Recht geben, die von Alternativen zu den klassischen Energieträgern ohnehin nichts halten? - Ich denke, ein solcher Schluß wäre voreilig. Denn für mich zeigt die Auseinandersetzung um die Windenergie vor allem, daß zunächst einmal gewisse Vorstellungen über die Natur des Energieproblems und über die Rahmenbedingungen des heutigen Energieversorgungssystems überdacht werden müssen, bevor auch die Windenergie ihren sinnvollen Platz finden kann. Erstens ist es eine alte, aber immer wieder verdrängte Tatsache, daß Maßnahmen zur Minderung des Energieverbrauches praktisch immer billiger sind als die Entwicklung alternativer Methoden zur Energieerzeugung. Das gilt nicht nur für die Windenergie, sondern genau besehen auch für andere neue Technologien, welche findige Techniker während der vergangenen Jahrzehnte als Antwort auf die großen Energiemoloche entwickelt haben. Aber Aktionen zur Steigerung der Effizienz, mit dem negativ besetzten Ausdruck 'Sparmaßnahmen' bezeichnet, sind für Ingenieure begreiflicherweise weit weniger attraktiv als die Schaffung neuer Technologien zur Energieerzeugung. Das gilt auch - Energieberater werden es bestätigen - für viele Konsumenten und Konsumentinnen, welche lieber Solarzellen auf dem Dach montieren als ihren Stromverbrauch auf Verschwendung hin analysieren lassen. Zweitens pervertiert jede neue Energietechnologie unweigerlich zum Monstrum, wenn man sie dazu verwendet, unseren heutigen, viel zu großen Energiekonsum in scheinbar nachhaltige Bahnen zu lenken. Die Nutzung der Windenergie hat, genau wie auch die Photovoltaik und andere, ihre sinnvolle Nische, aber als Alternativen zur fossilen und nuklearen Energie werden sie erst dann in Frage kommen, wenn der Energieverbrauch um 50 bis 70 Prozent kleiner ist als heute. Wie sagte schon Paracelsus: Alles wird zum Gift, wenn es im Übermaß konsumiert wird. Hinter der Art, wie mancherorts die Windenergie gefördert wird, scheint immer noch die Vorstellung zu stehen, es ginge lediglich darum, die 'schlechte' Energie durch 'gute' zu ersetzen. Diese Vorstellung muß in eine Sackgasse führen. Und trotzdem ist es drittens sinnvoll, sich mit der Suche und Weiterentwicklung nach alternativen Methoden zur Energienutzung zu beschäftigen. Nur was wir vielseitig erproben können, führt schließlich zu einer ausgereiften Lösung. Jede Idee, auch wenn sie Nachteile zu haben scheint, verdient unsere Aufmerksamkeit - solange wir sie mit Maß und den Verhältnissen angepaßt umsetzen. Natürlich wird sich manches nicht durchsetzen, aus technischen, ökologischen oder wirtschaftlichen Gründen. Das Risiko des Mißerfolges gehört dazu. Auf jeden Fall wird sich das nachhaltige Energiesystem der Zukunft stark auf erneuerbare Ressourcen abstützen, aber kaum auf eine allein, sondern auf eine vielfältige Palette von Möglichkeiten, jede mit ihren Stärken und Schwächen. Ich bin überzeugt davon, daß darunter auch die Windenergie sein wird, nur wissen wir noch nicht genau, wo sie ihre sinnvolle Nische finden wird. Bleiben wir also am Ball. Dieter Imboden
Zur Landchaftseinwirkung der Windkraftanlagen von Hans Christoph Binswanger Die Windenergie ist diejenige erneuerbare Energie, die vor allem aufgrund der gesetzlich vorgeschriebenen hohen Einspeisungsvergütung den schnellsten Ausbau erlebt. Die Landschaftseinwirkung wird dementsprechend immer sichtbarer. Im vorliegenden Text wird dies anhand zweier Modelle verdeutlicht unter der Voraussetzung, daß der Ausbau in der vorgesehenen Weise weitergeht. Im ersten Modell wird angenommen, daß alle Windkraftanlagen in einem großen Windpark zusammengefaßt sind. Im zweiten Modell wird angenommen, daß die Windkraftanlagen gleichmäßig über die Fläche der Bundesrepublik verstreut sind. Die Realität ist natürlich eine Mischform beider Modelle, wobei wegen der unterschiedlichen Windverhältnisse die Zusammenfassung der Windkraftanlagen in große Windparks vor allem für Norddeutschland, die 'Streubauweise' eher für Süddeutschland charakteristisch ist. Neben der Landschaftseinwirkung sind vor allem der Lärmeffekt und der Scheucheffekt für die Vögel zu beachten. Das Resultat dieser Betrachtungsweise ist die Notwendigkeit, die Windenergie nicht nur unter dem Aspekt der erneuerbaren Energien zu sehen. Es müssen auch schädliche Folgen für die Umwelt ernst genommen und in die Formulierung der Politik einbezogen werden. Kurzfassung
Deshalb sollte bedacht werden, ob aus der eigentlich beabsichtigten
Energiewende mittels Windkraftanlagen nicht eher eine unbeabsichtigte Landschaftswende
entsteht.
Kurzfassung
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