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Das Nachhaltigkeits-Dilemma
Vorschlag für eine Lösung
Hans Christoph Binswanger, St. Gallen

Das Konzept der Nachhaltigkeit, das durch die Rio-Konferenz von 1992 zur weltwirtschaftlichen Richtlinie der internationalen Staatengemeinschaft erklärt wurde, stammt ursprünglich aus der Waldwirtschaft. Hier ist Nachhaltigkeit definiert als das Postulat, nicht mehr Holz zu schlagen als nachwächst, den Wald also in diesem Sinne "nachhaltig" zu nutzen, d.h. ihn nicht zu übernutzen, keinen Raubbau zu treiben.

Dieser enge waldwirtschaftliche Begriff wurde in dem der Rio-Konferenz zugrundeliegenden Brundtland-Report stark erweitert, damit er eine generelle Gültigkeit erhalten kann. Er beschreibt die nachhaltige Entwicklung als "eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können." Mit dem Hinweis auf "die Bedürfnisse" im allgemeinen wird sowohl die ökologische Dimension ausgeweitet, vor allem auch die Erhaltung einer gesunden Umwelt als Lebensgrundlage einbezogen, als auch die ökologische Dimension durch die soziale und wirtschaftliche Dimension ergänzt. Aber diese Erweiterung war so radikal, dass ihr kein direkter Hinweis mehr für das praktische Handeln entnommen werden konnte. So orientierte man sich im ökologischen Bereich weiterhin am waldwirtschaftlichen Begriff der Nachhaltigkeit bzw. an der ihm zugrundeliegende Logik, wonach die natürlichen Ressourcen (nur) soweit verbraucht werden dürfen als sie sich wieder durch Nachwuchs erneuern. Die Nachhaltigkeit ist aber auf diese Weise nur  definiert für die sog. erneuerbaren Ressourcen, die – wie der Wald - nachwachsen, d.h. sich im Rahmen der biologischen bzw. ökologischen Kreisläufe erneuern, nicht aber für die nicht-erneuerbaren Ressourcen wie vor allem die fossilen Brennstoffe und metallischen Rohstoffe, deren Vorräte unter dem Boden liegen. Sie ist auch nur definiert für die wirtschaftliche Nutzung der Umwelt, weil sich die waldwirtschaftliche Nachhaltigkeit nur auf den Holzschlag, also der Nutzung des Holzes für Bau- und Heizzwecke bezieht.

Durch den ausschliesslichen Bezug des Nachhaltigkeitsbegriff auf die erneuerbaren Ressourcen wird suggeriert, dass die nicht-erneuerbaren Ressourcen, deren Vorräte endlich sind, überhaupt nicht mehr genutzt werden dürften, weil sie eben nicht nachwachsen. Nur so können sie ja nachhaltig erhalten bleiben. Mit einer so strengen Deutung des Nachhaltigkeistbegriffs kommen wir aber in ein logisches Dilemma: Wozu sollen sie erhalten bleiben, wenn sie nicht genutzt werden? Im Übrigen wären wir, wenn wir sie nicht mehr nutzten, jetzt schon dort angelangt, wo wir erst hinkommen, wenn alle Vorräte verbraucht sind.

Um diesem Dilemma auszuweichen, wird vielfach gefordert, dass man die nicht-erneuerbaren Ressourcen zwar vorläufig noch nutzen dürfe, aber nur bei sukzessivem Ersatz durch erneuerbare Ressourcen. Die Nutzung der erneuerbaren Ressourcen solle in dem Ausmass zunehmen, wie die Vorräte der nicht-erneuerbaren abnehmen. Am Schluss, wenn alle nicht-erneuerbaren Ressourcen verbraucht sind, kämen wir mit den erneuerbaren Ressourcen allein aus, so ist die Meinung. Dies wäre aber nur dann eine befriedigende Lösung, wenn die erneuerbaren Ressourcen, nachhaltig genutzt bleiben. Dies ist aber, wenn wir die Grössenordnungen im Verhältnis der nicht-erneuerbaren zu den erneuerbaren beachten, gar nicht möglich.

Denken wir daran, dass zu Beginn der industriellen Revolution die erneuerbare Ressource Holz nur gerade dadurch vor der endgültigen Vernichtung bewahrt, d.h. die nachhaltige Nutzung des Waldes, die die wichtigste erneuerbare Ressource war,  nur dadurch möglich wurde, dass die nicht-erneuerbare Stein- und Braunkohle die Holzkohle ersetzte! Sonst wäre es in Europa zu einem radikalen Kahlschlag des Waldes gekommen. Seit der industriellen Revolution hat sich der jährliche Ressourcenverbrauch etwa verhundertfacht. Dabei machen die nicht-erneuerbaren Ressourcen heute ca. 90% des gesamten Ressourcenverbrauchs aus.

Wohl lässt sich die Nutzung der erneuerbaren Ressourcen, wie die moderne Landwirtschaft zeigt, in einem gewissen Ausmass intensivieren. Aber man muss doch geduldig auf die Erneuerung durch den Nachwuchs warten. Sie brauchen ausserdem für ihre Entwicklung grosse Bodenflächen, damit sich die biologischen bzw. ökologischen Kreisläufe, in denen sie sich erneuern, entfalten können. Der Boden ist aber wegen der vielfältigen Ansprüche an ihn die knappste Ressource, die wir haben!

Die Rück-Substitution der nicht-erneuerbaren Ressourcen würde daher sehr schnell dazu führen, dass diese übernutzt, d.h. stärker beansprucht werden als dauerhaft nachwachsen kann. Um das Nachhaltigkeits-Postulat für die nicht-erneuerbaren Ressourcen aufrechtzuerhalten, müsste es daher für die erneuerbaren, für die es eigentlich konzipiert war, aufgegeben werden!

Viele meinen allerdings, es gäbe einen Ausweg aus diesem Dilemma durch die Nutzung der Sonneinstrahlung zur Energiegewinnung und die Substitution der nicht-erneuerbaren Energien durch die Sonnenenergie. Dabei geht es sowohl um die direkte Nutzung der Sonnenenergie wie Wärmegewinnung durch Sonnenkollektoren und Stromgewinnung durch Fotovoltaik als auch um die indirekte Nutzung wie Verbrennung von Biomasse – Holz, landwirtschaftliche Abfälle, Klärgas, Energiepflanzen wie Rüben, Raps, Chinaschilf usw. - und Stromgewinnung aus Wind- und Wasserkraft. 
Dies ist aber eine gefährliche Illusion, denn sie übersieht die ökologischen Schäden, die mit der Sonnenenergie bzw. den erneuerbaren Energien verbunden sein können, wenn man glaubt, ihre Nutzung sei so steigerungsfähig, dass sie die nicht-erneuerbaren Energien ohne eine vorausgehende radikale Reduktion des Verbrauchs substituieren kann.

Die Einstrahlung der Sonne auf die Erdoberfläche ist zwar sehr gross, aber es werden, weil die Sonne diffus und diskontinuierlich einstrahlt, sehr grosse Flächen verbraucht, um sie aufzufangen, zu speichern, sowie aus der Fläche zu den Ballungszentren zu bringen, wo die Energie benötigt wird. Dieser zusätzliche Verbrauch von Bodenfläche führt dabei – soweit nicht eine Doppelnutzung des Bodens möglich ist – zu einem nachhaltigen Verlust an Umwelt bzw. Lebensraum für Pflanzen, Tier und Mensch. So führt die Errichtung von Windparks und von Photovoltaikanlagen ausserhalb von Siedlungsgebieten zum grossflächigen Landschaftsverlust, der Bau von Kleinwasserkraftwerken zu Gefährdung der Fischbestände, der Anbau der sog. nachwachsenden Rohstoffe zur Zunahme der Bodenbelastung wegen des damit verbundenen Dünger- und Pestizideinsatzes. Der Nutzung der Sonnenenergie sind daher enge Grenzen gesetzt, wenn man die Umwelt bzw. den Lebensraum  nicht zerstören will.

Einen Ausweg aus dem Nachhaltigkeits-Dilemma gibt es daher nur, wenn wir uns entschliessen, eine nachhaltige Nutzung eigens für die nicht-erneuerbaren Ressourcen zu definieren und diese in das gesamte Nachhaltigkeits-Konzept einbauen. Dies ist möglich, wenn wir uns an der Logik der Nachhaltigkeit als einer dauerhaften Entwicklung orientieren, wie sie auch dem Brundtland-Bericht zugrunde liegt. Dieser Logik entspricht folgende Definition, die wir hiermit vorschlagen. Sie lautet:
Die nicht-erneuerbaren Ressourcen werden dann nachhaltig genutzt, wenn sie mittels einer kontinuierlichen Minderung ihres Einsatzes nie vollständig verbraucht werden.

Diese Definition muss hinsichtlich der Energieressourcen, insbesondere hinsichtlich der fossilen Energieträger, zahlenmässig noch verdeutlicht und ihre Konsequenzen erläutert werden.
Die Höhe der notwendigen Minderungsrate ist einmal von der Grösse der Vorräte im Vergleich zur heutigen Produktion abhängig. Wir müssen uns daher zuerst eine Vorstellung davon machen, wie gross die vermutlich abbaubaren Vorräte der fossilen Energien sind. Es gibt dafür verschiedene Vorstellungen. Ganz grob geschätzt können wir für Kohle, Erdöl inkl. Ölsand und Ölschiefer, sowie Erdgas zusammen vom rund des Tausendfachen des heutigen Jahresverbrauchs ausgehen. Dabei handelt es sich, dies ist zu betonen, nicht um die schon festgestellten Reserven, sondern um die vermutete Menge der Ressourcen, die aufgrund geologischer Überlegungen im Boden vorhanden und voraussichtlich technisch förderbar ist.

Berechnen wir nun mit Hilfe der Summenformeln für geometrische Reihen aufgrund dieser Schätzung die Lebensdauer der fossilen Energieträger, so ergibt sich: Bleibt der Verbrauch immer gleich, beträgt die Lebensdauer logischerweise 1000 Jahre. Wenn der Verbrauch aber pro Jahr zum Beispiel um fünf Prozent steigt, verringert sich die Lebensdauer der Ressource auf 81 Jahre. Umgekehrt, wenn sich der Verbrauch jedes Jahr um eine bestimmte Rate mindert, wird die Lebensdauer wesentlich verlängert. Man kann sich dann fragen, wie gross die Minderungsrate im Minimum sein muss, damit die Ressource nie vollständig erschöpft wird, also immer noch etwas übrig bleibt und in diesem Sinne nachhaltig genutzt wird. Die Antwort ist: Bei einem tausendjährigen Vorrat ist eine jährliche Reduzierung von (mindestens) 0,1 Prozent nötig. Das heisst: Ein Promille des Verbrauchs des jeweiligen Vorjahres müsste global jedes Jahr (mindestens) reduziert werden, damit die fossilen Energieträger nie ganz verbraucht werden.

Diese Forderung ist nicht ganz so harmlos, wie sie auf den ersten Augenblick erscheint, denn es geht um eine Trendumkehr beim gesamten Energieverbrauch der Welt. Dies bedeutet, dass die Industrieländer ihren Verbrauch stärker drosseln müssen, um der Dritten Welt noch einen etwas steigenden Verbrauch zu ermöglichen. Immerhin ist es auch keine exorbitante Forderung. Nach 100 Jahren würde die nötige Einsparung nicht mehr als 10 Prozent gegenüber dem heutigen Verbrauch betragen müssen, nach 500 Jahren nicht mehr als 40 Prozent.

Dieses Konzept lässt sich auch grafisch verdeutlichen durch Gegenüberstellung verschiedener Abbau-Pfade (siehe Abb.). Dabei zeigt sich: Selbst bei einem leicht fallenden Verbrauch (-0,05%) erschöpft sich der Ressourcenvorrat noch nach einer endlichen Anzahl Jahre. Bei einer Reduktion des Verbrauchs von mindestens 0,1% hingegen geht er – wie gesagt – nie vollständig zur Neige. Bei einer noch stärkeren Reduktionsrate sind sogar nach Tausenden von Jahren noch beträchtliche Restvorräte vorhanden, z.B.  bei einer Minderungsrate von 0,2% nach 3'500 Jahren noch die  Hälfte des Vorrats. 

Durch die neue  Definition  der Nachhaltigkeit für nicht-erneuerbare Ressourcen wird deutlich, dass die wichtigste Nachhaltigkeitsstrategie die Reduktion des Ressourcen- und insbesondere des Energieverbrauchs ist. Im Vordergrund stehen für eine solche Reduktion die Erhöhung der Effizienz bei der Energiegewinnung und –umwandlung; die vermehrte Anwendung von Wärme-Kraft-Kopplung; die Konstruktion und Nutzung von Maschinen, Apparaten und Fahrzeugen mit geringerem Energieverbrauch; die Erhöhung der Nutzungsdauer von Produkten; die Wärmedämmung im Gebäudebereich, auch in Altbauten; das klima- und ökologiegerechte Neubauen; die Umstellung auf weniger energieintensive Strukturen im Verkehrs- und Infrastrukturbereich; verkehrsvermeidende städtebauliche Massnahmen; die Erziehung zu energiesparendem Verhalten.

In einem gewissen Ausmass ist natürlich auch ein verstärkter Einsatz von erneuerbaren Energieträgern bzw. der direkten und indirekten Nutzung der Sonnenenergie nötig. Aber dieser hat neben der Reduktion des Energieverbrauchs nur eine ergänzende Funktion und nicht die Hauptfunktion. Dies ermöglicht es, bei der Wahl der erneuerbaren Energien selektiv vorzugehen und so – das ist entscheidend - das Nachhaltigkeits-Kriterium für erneuerbare Energien, den Verzicht auf Übernutzung (wieder) einzuhalten, und zwar nicht nur in bezug auf die Möglichkeit zu einer dauerhaften wirtschaftlichen Nutzung, sondern auch in bezug auf die dauerhafte Aufrechterhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen. Im Vordergrund geht es dabei, wie schon erwähnt, um die Doppelnutzung des Bodens, z.B. durch den Auffang von Sonnenenergie auf den Dächern der Häuser, die Nutzung von Biogas aus Abfällen und die Gewinnung von Holz aus einem nachhaltig genutzten Wald, der mehrere Funktionen hat. Auch die Nutzung der Geothermik wird eine bedeutende Rolle spielen.

Grundsätzlich gilt aber,  das sei nochmals betont: die Erhöhung der Energieeffizienz bzw. die Einsparung ist die umweltverträglichste "Ressource". Sie ist der eigentliche Königsweg und auch die billigste, weil man so  die Ausgaben für die Energie reduzieren kann. Der Investitionsaufwand ist im allgemeinen relativ gering. Er genügt daher auch am ehesten der Idee der ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit. Im übrigen kann die eingesparte Energie auch wesentlich schneller erfolgen als die Zur-Verfügung-Stellung der erneuerbaren Energien, für die zuerst ein zusätzlicher Aufwand an fossiler Energie benötigt wird. Nur auf diese Weise können daher auch die Ziele zur Verminderung der Treibhausgase, die auf der Klima-Konferenz in Kyoto 1998 beschlossen worden sind, rechtzeitig erreicht werden. 
 
 

27.03.2000