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Die "Apfelsaft-Kuh" - ein "Ökostrom"
Beitrag zum Karneval


Sehr geehrte Umweltfreunde,

selten hat ein Thema so viele Diskussionen hervorgerufen, wie das Thema "Ökostrom". Die Diskussion ist extrem schwierig, weil der Begriff "Ökostrom" unsauber definiert ist und deshalb von Teilnehmer zu Teilnehmer anders verstanden wird.

Manche von uns - ich will mich da nicht ausschließen - haben anfangs mehr oder weniger bedenkenlos den "anschaulichen" Begriff  "Ökostrom" übernommen, ohne zu erkennen, dass gerade die scheinbare Anschaulichkeit zur Verwirrung führt, weil sie unzutreffende Vorstellungen verursacht. Britta Marold hat in ihrem Artikel, "Welche Farbe hat Strom"
www.sfv.de/lokal/mails/rundmail/p0011220.htm erstmals darauf aufmerksam gemacht. 

Wie unübersichtlich die Diskussionslage inzwischen ist, soll ein Beispiel aus einem völlig anderen Lebensbereich demonstrieren.

Die "Milchquote" ist Ihnen sicherlich vom Hörensagen her bekannt. Die Halter von Milchkühen dürfen keine höhere Milchmenge abliefern als die "Quote" ihnen erlaubt; das vorweg. Stellen Sie sich nun eine Diskussion über die Milchquote vor, wenn einige Milchkuh-Halter, deren Kühe auf Obstwiesen Fallobst fressen, einen Teil der von ihnen abgelieferten Milchmenge allen Ernstes als "Apfelsaft" bezeichnen würden.  Bei Milch würde so etwas sofort als Unfug auffallen, denn die Anschauung ist stärker als die kindliche Vorstellung einer Apfelsaft gebenden Kuh. Jeder kann sich selbst davon überzeugen, dass auch aus dem Euter der Fallobst fressenden "Apfelsaft-Kuh" nur weiße Milch kommt. Niemand würde sich scheuen, von "Etikettenschwindel" zu sprechen. 

Bei Strom ist das allerdings anders. Strom ist unsichtbar, irgendwie geheimnisvoll und man weiß nicht so recht... Vielleicht gibt es doch wirklichen Ökostrom???

Gehen wir der Sache deshalb noch einmal gründlich nach: Was ist denn nun eigentlich WIRKLICH "Ökostrom"?

Die Bezeichnung "Ökostrom" könnte nahelegen, dass es sich um Strom handelt, der im physikalischen Sinn aus einer ökologischen Anlage, also einer Solaranlage, einer Windanlage, einer Biomasse-Anlage oder aus einem Wasserkraftwerk stammt. In diesem Sinn wäre die Bezeichnung dann ein Sammelbegriff für Strom aus Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien. 
Das wäre Definition Nr. 1

Allerdings gibt es hier schon die ersten Abweichler. Viele Menschen bestehen darauf, dass auch der Strom aus Anlagen zur Kraft-Wärmekopplung mit fossilen Brennstoffen "Öko" ist, zumindest aber doch ein wenig "öko".
Ordnen wir ihre Definition als Definition Nr. 1a ein.

Bisher sprachen wir nur von Strom, der im physikalischen Sinn aus bestimmten Anlagen stammt, und zwar soweit er sich noch nicht mit dem Strom im öffentlichen Versorgungsnetz vermischt hat. Die Bezeichnung "Ökostrom" kann also guten Gewissens auf Strom in den zum öffentlichen Netz führenden Einspeiseleitungen angewendet werden. 
So lassen sich die Definitionen 1 und 1a zusammenfassen.

Einige Stromhändler wenden die Bezeichnung "Ökostrom" aus Werbegründen nun aber auch auf Strom an, den sie aus dem öffentlichen Netz entnehmen und an ihre Kunden verkaufen. Sie verhalten sich so wie der listige Landwirt mit den Apfelsaft-Kühen. Da dessen Kühe mit der Nahrung etwas aufnehmen, was man mit etwas Wohlwollen als kaltgepressten Apfelsaft bezeichnen könnte, belegt er das, was aus dem Euter herauskommt, mit dem gleichen Begriff. Er kümmert sich einfach nicht darum, dass man den Kühen von den Fallobstwiesen durch noch so kunstvolles Melken in Wirklichkeit keinen Apfelsaft entnehmen kann. 

Und wie ist es beim Strom? Die Stromhändler wissen zwar, dass sie den Strom aus dem öffentlichen Netz physikalisch nicht mehr "entmischen" können, aber trotzdem bezeichnen sie Strom, den sie aus dem Netz entnehmen, als "Ökostrom" - mit der Begründung, dass es sich zwar um keinen Ökostrom handelt, dass aber das Geld, welches für diesen Strom bezahlt wird, letztlich an die Einspeiser von Ökostrom weitergeleitet wird.
Das wäre Definition 2.

Definition 2 steht offensichtlich im Widerspruch zu Definition 1. Denn bei Definition 1 handelt es sich nur um Strom, der in das Netz eingespeist wird, bei Definition 2 dagegen handelt es sich um Strom, der dem Netz entnommen wird. Am Beispiel der Apfelsaft-Kuh haben wir gesehen, dass es sich dabei um verschiedene Produkte handelt.

Einige Händler präzisieren den Unfug noch durch eine zusätzliche Definition. Danach handelt es sich nur dann um "Ökostrom", wenn der Strom dem Netz zum gleichen Augenblick entnommen wird, in dem auf der anderen Seite der Strom aus den Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien zeitgleich eingespeist wird. Die Apfelsaft-Kuh müsste das Fallobst also genau während des Melkvorganges fressen, um im Bild zu bleiben. 
Definition 2a stellt - wie man leicht erkennt - einen Sonderfall von Definition 2 dar.

Einen interessanten weiteren Sonderfall stellt die "Ökostrom"-Definition dar, bei der gefordert ist, dass die Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien neu errichtet worden sein müssen. Die Äpfel müssen also von frisch gepflanzten Apfelbäumen stammen.
Soweit also die Definitionen 2, 2a und 2b.

Den Gipfel der Abstraktion erklimmen aber nun die Händler, die den größten Teil des Geldes, welches sie beim Stromverkauf einnehmen, nur zu einem kleinen Teil nach Definition 2 an die Erzeuger des Stroms aus Erneuerbaren Energien zahlen, den Löwenanteil dagegen an die Erzeuger von "Egalstrom" weitergeben. Auch diese Händler behaupten, dass sie "Ökostrom" verkaufen und zwar nach dem sogenannten "Aufpreismodell". Hier wird es so kompliziert, dass sogar das anschauliche Beispiel von der Apfelsaft-Kuh versagt. 
Das war Definition 3

Einer der Händler, der "Ökostrom" nach Definition 3 verkauft, besteht übrigens allen Ernstes darauf, dass er den Löwenanteil des eingenommenen Geldes nicht für "Egalstrom" ausgibt, sondern für "Basisstrom mit ökologischen Qualitätskriterien" . Er hat deshalb eine Richtigstellung verlangt. Wir geben seine Richtigstellung gerne als Definition 3a zum Besten. www.sfv.de/lokal/mails/wvf/egalstro.htm

Bitte nicht missverstehen: Was einige dieser Händler wirklich tun, mag nützlich sein, und wir diskutieren gerne darüber, aber dass sie behaupten, "Ökostrom" zu verkaufen, das ist ein Angriff auf den gesunden Menschenverstand! 
Was folgt aus alledem?

Der Begriff "Ökostrom" ist so vieldeutig, dass er nichtssagend geworden ist und nur noch Verwirrung anrichtet. Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass verantwortungsvolle Stromhändler dieses Verwirrspiel nicht weiter unterstützen.

Alaaf und Helau
Wolf von Fabeck
[sfv-rundmail 7/02] 7.2.02 
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08.02.2002http://WilfriedHeck.tripod.com