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Umweltkiller Strieder
Berlins SPD-Chef  dröhnt populistisch, seine bisherigen CDU-Partner wollten auf ihr "System des Machtmißbrauchs" nicht verzichten, Partei und hörige Journaille klatschen Beifall. Der tiefkorrupte Berliner Filz – das waren immer die anderen. Wer noch bis drei zählen kann, greift sich an den Kopf. Schließlich spielte – und spielt -  Peter Strieder in diesem "System" zwangsläufig eine Hauptrolle – als Senator für Stadtentwicklung, Bauen, Verkehr und Umweltschutz.

Immobiliengeschäfte, Deals mit Plattenbauten, die geradezu aggressiv forcierte Umwandlung von Berlin-Mitte in einen seelenlosen Distrikt  für Banker und neoliberale Polit-Bonzen, Pseudo-Intelligentsia und Schickeria – siehe Hackesche Höfe, Gendarmenmarkt und Friedrichstraße – nichts läuft ohne ihn und seine Hintermänner. Strieders Ressort verschwendete selbst laut Landesrechnungshof öffentliche Millionen en masse für unwirtschaftliche Bauaufträge, Zuschüsse.

Als Umweltsenator versprach er dem Ostteil Öko-Fortschritte allerorten – man riechts unter den Linden. Noch nie war die Prachtallee so abgasverpestet, mit Bussen, LKW, Autos verstopft wie jetzt. Der Umweltsenator als Umweltkiller, Vernichter von Lebensqualität – in Berlin-Mitte wirds besonders deutlich.

Wildenten badeten, putzten sich einst auf dem  Alex-Brunnen – alle Welt beobachtete es mit Vergnügen. "Wildkaninchen noch und nöcher auf dem Rasen am Fernsehturm", erinnert sich Claudia Hämmerling, Grünen-Expertin für Stadtentwicklung im Abgeordnetenhaus. "Jetzt sind die Tiere alle weg". Und der Alex, die Fernsehturm-Wiesen verkommen, vermüllt. Gemäß den Strieder-und Trittin-Sprüchen hätte es nach der Wende genau andersrum laufen müssen, Bestandszunahmen allerorten.

Die Alteingesessenen monierten zuerst, daß jedenfalls vor ihrer Haustür die neue, bessere Umweltpolitik irgendwie nach hinten losging. Aber auf die hörte ja keiner, Jammerossis halt. Inzwischen hauen Wessis, allesamt gestandene Öko-Experten, in dieselbe Kerbe.  Hartwig Berger, aus dem Westteil, umweltpolitischer Grünen-Sprecher im Abgeordnetenhaus, vermißt das Tschilpen der Spatzen nun auch im Osten, besonders in Mitte. "Gerade der Sperling, Stadtvogel par excellence, ging dort auf ein Drittel zurück – das ist wirklich schlimm!" Ähnlich siehts bei den anderen deutschen Vogelarten aus. Berger hat dafür ganz andere Antennen als Polit-Betonköpfe, Technokraten und geldgierige Banker, wenn er durch Mitte schlendert. Mit der CDU-SPD-Koalition werden gegens Bundesnaturschutzgesetz und die Berliner Sanierungsvorschriften hunderttausende Niststätten, auch jene der Mauersegler, vernichtet, Grünflächen reduziert, zubetoniert  oder aseptisch kurzgehalten, zahlreiche Bäume gefällt, sogar, wegen des weißen Kots, Schwalbennester abgeschlagen. Anstatt wie bisher auch Wildkräuter, natürlichen Wildwuchs zugunsten von Schmetterlingen, bunten Käfern auf den Rasen zuzulassen, werden diese überpflegt, noch dazu mit schweren Maschinen. Teure Laubsauge-Wagen, von Umweltschützern seit langem verdammt, holen auch das letzte Insekt aus der Bodenritze, häckseln sogar Igel.

"Das ist absolut stupide und bescheuert", ärgert sich Berger. Fassaden sind jetzt langweilig glatt und makellos. Alles einer steril-öden neuzeitlichen Ästhetik zuliebe, wie in der allgegenwärtigen, großflächigen Produkt-Propaganda, sagt man in den Naturschutzämtern, visuelle Umweltverschmutzung dank Strieder nun allerorten.

Gleich nach 1990 wird der S-Bahnhof Friedrichstraße gegen Ost-Proteste so saniert, daß die beliebte große Dohlenkolonie für immer verschwindet. Jetzt ist die ausgedehnte Grünfläche davor, jahrzehntelang eine beliebte Stadtoase für Mensch und Tier, ebenfalls weg, eklige Betonwüste geworden, dank Strieder. Der hübsche Lindencorso-Platz mit den Rosenbeeten, an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden wurde protziges PR-Zentrum jener Autokonzerne, die mit Schröder ihren Wunschkanzler bekamen. Auf die Freifläche gegenüber, eine der letzten City-Oasen, soll ebenfalls ein Betonklotz. Weil Verkehrssenator Strieder den Autoverkehr privilegiert, machen Abgase Allee-und Parkbäumen mehr denn je zu schaffen.

Strieder, sagt auch Bergers Kollegin Hämmerling, erinnere man alle naselang an seine eigenen Gesetze, Beschlüsse, die er nicht einhalte – die schwerkriminelle Berliner Müllmafia habe man exzellent gefördert. Der Grüne wirft dem Senat öffentlich vor, in ganz Berlin den Arten-und Biotopschutz sterben zu lassen -  den entsprechend scharfen Antrag hat noch Renate Künast mitunterschrieben. Völlig wirkungslos. Siehe Love-Parade – ausgerechnet der Tiergarten, ein ausdrücklich geschütztes Naturdenkmal, wird dank Strieder Konzern-Kommerz geopfert, von den früher fünfundzwanzig Nachtigallenpärchen, so das Naturamt, sind gerade noch drei übrig. Durch Massen-Pisse vergifteter Boden, überall niedergetrampeltes Gesträuch.

Nur ein paar hundert Meter vom Trittin-Ministerium entfernt die Karl-Marx-Allee hinauf, in der Naturschutzbehörde von Mitte, hat der Schöneberger Artenexperte Marcus Zisenis vom 13. Stock aus den besten Überblick. Zu DDR-Zeiten  sausten dort noch reichlich Turmfalken durch die Lüfte, heute sind sie selten. "Ein faszinierender Vogel", schwärmt Zisenis, "doch von den einst achtundzwanzig Brutplätzen der Turmfalkenpaare sind höchstens noch acht übrig".

Worans liegt, lernt dank CDU-SPD-Bildungspolitik so gut wie kein Berliner Kind mehr im Bio-Unterricht: Die gesamte  Nahrungskette stimmt nicht mehr. "Von den Hausspatzen hängt der Turmfalke ab, die jagt er besonders – nur sind die eben nicht nur in Mitte, sondern in so gut wie allen Ost-Städten seit 1990 um bis zu drei Viertel zurückgegangen". Fachmann Zisenis sieht schwarz: "Die Tendenz bei den Turmfalken ist wie bei den Fledermäusen – nämlich in Mitte auszusterben". Die nächtlichen Flattertiere sind bereits so gut wie weg – ganz besonders peinlich für  Strieder und Trittin. Denn anders als Spatzen und Turmfalken sind es Arten mit dem allerhöchsten EU-Schutzstatus. "Wenn wir hier die Natur immer mehr vernachlässigen, uns ihr entfremden, werden wir abgestumpft, inhuman, geht der Stadt die Sinnlichkeit verloren. Mit der Natur geht man hier wie mit den Menschen um". 

Doch siehe da – mit Berlins Umweltverbänden kommt Senator Strieder bestens zurecht, gelegentliche forsche Alibi-Presseerklärungen, siehe Love-Parade und Tiergarten -  tun  nicht weh – bei Ökofesten holen sie ihn gerne als Schirmherr und Ehrengast, radeln mit ihm auf Sternfahrten. Denn übelsten Filz gibts auch in der Umweltszene. Ein Verbandsinsider: "Bei den Organisationen ist der Schmusekurs oft Programm, die kriegen Staatsknete, sind daher nicht unabhängig". 

Weil auch von der PDS wie üblich mit wirklich ernstzunehmendem Widerstand nicht zu rechnen ist, kann Strieder jetzt sogar eine Tiefgarage ausgerechnet unter den Bebelplatz bauen lassen. Die Wirkung des neuen Denkmals zur Erinnerung an die Bücherverbrennung durch die Nazis ist damit zerstört. Den PDS-Antrag für einen Baustopp lehnten CDU und SPD natürlich noch im üblichen Schulterschluß ab. Klaus Hart

30.08.2001